Mein Schreibprozess

Mein Schreibprozess

Ein Erfahrungsbericht von Stefanie Scheurich

­­Ich wurde in letzter Zeit mehrmals mit der Frage nach meinem Schreibprozess konfrontiert und wie ich überhaupt Autorin geworden bin. Das hat mich dazu veranlasst, einmal stehen zu bleiben und einen Blick zurückzuwerfen. Wie hat es überhaupt angefangen? Wann habe ich entschieden, dass ich Schriftstellerin sein will? Und was hat sich von damals bis heute geändert?

Begonnen hat alles – wie sollte es anders sein – mit einer Geschichte. 2016 fasste ich den Entschluss das Fragment eines Romans fortzusetzen, den ich im Jahr davor begonnen hatte. Ein Jugendfantasyroman, der lose an die kleine Meerjungfrau anlehnte. Da ich bis auf ein paar verfasste Kurzgeschichten keinerlei Schreiberfahrung besaß, schrieb ich ganz blauäugig drauflos. Ich hatte keinen Plan, kein wirkliches Grundgerüst und machte mir auch kaum aktiv Gedanken über die Entwicklung der Charaktere. Heute würde ich das nicht mehr so handhaben, allerdings brachte dieses »Debüt«, das ich heute eher als ersten Probelauf betrachte, eine entscheidende Erkenntnis: Ich kann einen Roman beenden. Und das ist wichtig! Man liest oder hört ja immer wieder, dass Durchhaltevermögen unabdingbar beim Schreiben ist. Und es stimmt. Doch manchmal reicht es nicht, etwas nur gesagt zu bekommen. Ich musste ein Buch schreiben/beenden (die Qualität lassen wir an dieser Stelle mal außer Acht) um zu erkennen, dass es mir tatsächlich gelingt. Und nachdem ich mir, einfach formuliert, den Beweis geliefert hatte, wusste ich, dass ich Autorin werden möchte. Schreiben ist mittlerweile für mich wie eine gesunde Droge. Ich kann nicht lange ohne und ich will es auch nicht. Ich brauche es, um glücklich zu sein.

Aber weiter im Text: Ziemlich bald nach meinem Erstlingswerk entstand die Idee für meine Serie ›Thya und Mitchell‹. Ich schrieb innerhalb einer Woche die erste Folge (rund 25.000 Wörter), das war im Juni oder Juli 2016, und war ganz angetan von den Charakteren und der Geschichte. Parallel machte ich mich mit den Möglichkeiten des Selfpublishings vertraut, indem ich zuvor den Fantasy-Debütroman veröffentlicht hatte. (Das bereue ich allerdings, denn ich hatte null Ahnung davon, was es heißt, ein Buch zu vermarkten, wie wichtig ein Lektorat, ein professionelles Cover sind, usw.) Ich lud ›Thya und Mitchell‹ also bei kdp hoch und dann passierte, was mich rückblickend immer noch überrascht. Das Ebook wurde tatsächlich gekauft. Täglich. Ich weiß noch, wie ich regelmäßig die Verkaufszahlen checkte und mich freute wie ein Honigkuchenpferd. Der Rekord war, wenn ich mich nicht täusche, 18 Ebook-Verkäufe an einem Tag, die gelesenen Seiten auf Kindle Unlimited nicht mitgerechnet. Für eine/n erfolgreiche/n Selfpublisher*in mag das nach wenig klingen, aber für einen blutigen Anfänger wie mich … tja, ich schwebte auf Wolke Sieben. Ich schrieb eine zweite und dritte Folge und lud auch diese hoch.

Nun war es aber so, dass ich nicht wirklich im Selfpublishing veröffentlichen, sondern lieber in einem Verlag publizieren wollte. Ich recherchierte im Netz, bewarb mich hier und da mit dem bereits veröffentlichten Manuskript von ›Thya und Mitchell‹ (ohne Erfolg), bis ich schließlich eine Ausschreibung des Sternensand Verlags fand. Ich reichte eine Kurzgeschichte ein, die es leider nicht in die Anthologie schaffte, jedoch bekundete der Verlag von sich aus Interesse an ›Thya und Mitchell‹. Ich sendete ihnen das Manuskript und war natürlich enttäuscht, als es doch abgelehnt wurde. Im Nachhinein verstehe ich es, und hätte mich eher gewundert, wenn es in der damaligen Fassung veröffentlicht worden wäre, aber dennoch war es ein Rückschlag. Ich legte das Manuskript erst einmal zur Seite und schrieb ein neues Buch. Erneut einen Jugendfantasyroman. Und wenn ich ganz ehrlich bin: An diesen Schreibprozess erinnere ich mich kaum noch. ›Streuner‹ schrieb sich quasi von selbst, es war wie ein Geschenk meines Unterbewusstseins. Ich weiß nicht, ob ich etwas Ähnliches je wieder zustande bringen werde, aber ich bin dankbar für diese Geschichte, denn sie hat mir eine Tür geöffnet, ohne die sich mein schriftstellerischer Weg sicher in eine völlig andere Richtung bewegt hätte. Ich reichte ›Streuner‹ beim Sternensand Verlag ein und siehe da: Der Kater wurde veröffentlicht. Und als er unter Vertrag genommen wurde, rückten Thya und Mitchell erneut in den Fokus der Aufmerksamkeit. Der Verlag hatte noch immer Interesse an der Geschichte, aber sie war schlicht zu unausgereift, um sie zu verlegen. Wir kamen überein, dass ich sie überarbeiten würde, doch ich entschied mich ziemlich schnell dagegen. Stattdessen schrieb ich alles neu. Von der ersten bis zur letzten Seite. Jeden Satz, jedes Wort. Und was soll ich sagen: Besser habe ich meine Zeit niemals investiert. Denn bei diesem Projekt konnte ich direkt meinen Schreibprozess vergleichen. Ich erzählte dieselbe Geschichte noch einmal und dabei fiel mir auf, was ich beim ersten Durchgang »falsch« gemacht hatte. Beim zweiten Durchgang befasste ich mich intensiver mit den Charakteren, mit dem Einsatz von Dialogen und dem Aufbau der Handlung, Rückblenden, etc. Zusätzlich hat mir damals mein erstes Lektorat von ›Streuner‹ geholfen, mich zu verbessern, ebenso das Lesen von Romanen an sich. Ich schrieb ›Thya und Mitchell‹ neu und verbesserte nicht nur die Geschichte, sondern auch meinen eigenen Schreibprozess.

Ganz unabhängig davon, dass es auch heute noch Potential für Verbesserungen, dass es Luft nach oben gibt (Ist das nicht immer der Fall?), ist ›Thya und Mitchell‹ oder, wie es heute heißt, ›Deceptive City‹ vor allem eines für mich: Schreiberfahrung. Insbesondere Erfahrung darin, loszulassen, Geduld zu haben, zu reflektieren und zu akzeptieren, dass ich, was das Schreiben angeht, meine Stärken und meine Schwächen habe. Schreiben ist quasi ein ständiger Lernprozess.

Was heute für mich funktioniert, kann schon morgen ein Hindernis sein und was mir bei dem einen Buch hilft, muss nicht zwingend auch das nächste Buch voranbringen.

Zwischen meinem ersten beendeten Buch und den mittlerweile vier Verlagsbüchern (das fünfte folgt im April 2020) liegen also vier Jahre voller Fehler und Erfolge. Ich habe sehr viel über mich selbst und das Schreiben gelernt und kann dementsprechend mit diesem Wissen arbeiten.

Zum Beispiel bin ich eine Niete darin, Marketing zu betreiben. Ich kann sehr schlecht um Hilfe bitten und meistens möchte ich einfach nur im stillen Kämmerchen Geschichten ausbrüten, die sich dann am besten von ganz allein verkaufen sollen, was sie natürlich nicht tun.

Es fällt mir schwer, ein Buch im Nachhinein zu überarbeiten – allerdings macht es sehr viel Spaß Anmerkungen und Verbesserungen von Testleser*innen und Lektor*innen durchzusehen –, dafür überarbeite ich heute gern während des Schreibens. Mein aktuelles Projekt verfasse ich beispielsweise in einem Schreiben-Bearbeiten-Löschen-Rhythmus. Ich greife voraus, justiere nach und verwerfe, was für mich nicht ins Buch gehört.

Ich bin eine langsame Schreiberin. Am Tag schaffe ich kaum mehr als 1000 Wörter, was mich früher noch gestört hat, heute aber eben mein Tempo ist. Manchmal braucht ein Satz nun mal seine 30 Minuten.

Und und und …

Wahrscheinlich könnte ich ein ganzes Buch mit Dingen füllen, die ich gelernt habe oder vermutlich noch lernen werde, und Erfahrungen, die ich zwischen 2016 und heute gesammelt habe, doch für den Augenblick belasse ich es bei diesem kleinen Rückblick und freue mich auf alles, was noch kommt.

Denn was mir in den letzten Jahren bewusst wurde → Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Es gibt kein universelles Erfolgsrezept. Es stimmt sicher, dass man manchmal Glück haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein muss, aber viel wichtiger ist: Finde heraus, wer du bist, und nutze dieses Wissen um zu werden, wer du sein willst.

Bei mir ist das ganz klar: Autorin.

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